Beyond the Ascend
Dem Enduro-Biker Maël Féron reichte die bloße Teilnahme am härtesten Massenstart-Enduro-Rennen der Welt nicht aus. Während alle anderen Teilnehmer mit der Seilbahn zum Start auf dem Pic Blanc in 3.300 Meter Höhe fuhren, radelte der Franzose die insgesamt 2.600 Höhenmeter hinauf zum Start.
Um drei Uhr morgens erhellt eine einzelne Helmlampe den Asphalt der epischen 21. Kehren hinauf nach Alpe d’Huez in den französischen Alpen. Während der Tour de France zieht dieser 14 Kilometer lange, brutale Anstieg mit seinen 1.100 Höhenmetern die letzten Reserven aus den Beinen der weltbesten Profis. Maël Féron jedoch hält auf Höhe des Tour-de-France-Etappenziels nur kurz an, beißt in einen Energieriegel, blickt in die tiefschwarze Nacht und sagt: „So, das war der einfache Teil.“
Vorbereitung
Für den 21 Jahre alten Enduro-Mountainbiker ist der legendäre Aufstieg nach Alpe d’Huez nur ein Teil einer viel größeren Challenge. Er nimmt in wenigen Stunden an der Megavalanche teil, dem größten und wohl auch härtesten Massenstart-Enduro-Rennen der Welt. Für ihn aber sind die 40 Minuten Raserei auf Schotter, Fels und Schnee, über anspruchsvolle Single Tracks, durch enge Kurven, über tiefe Drops und hohe Jumps und kräftezehrende Uphill-Segmente nicht genug.
Der Franzose will in der Nacht vor dem Rennen die Strecke sozusagen rückwärts fahren, vom Ziel der Megalvalanche hinauf auf den Pic Blanc zum Start des Rennens, bevor er sich dann zusammen mit den anderen 500 Teilnehmern wieder ins Tal stürzt. Fast 40 Kilometer, den größten Teil davon bei Nacht, und mehr als 2.600 Höhenmeter wird er mit dem Bike klettern müssen. Rund siebeneinhalb Stunden wird er unterwegs sein, zuerst über asphaltierte Straßen, dann auf Schotter und Schnee der Downhill-Strecke der Megavalanche – alles bergauf. Dabei ist das Timing essenziell – kommt er zu früh auf dem Gipfel an, kühlt er aus und riskiert müde und kalt ins Rennen zu starten. Braucht er zu lange für den Aufstieg verpasst er das Rennen und alle Anstrengungen waren umsonst.
Der Aufstieg
Es ist Mitternacht als Maël Féron unter dem Zielbogen der Megavalanche im Örtchen Allemond steht. „Ich fühle mich gut“, sagt er, „aber das wird bestimmt nicht so bleiben.“ Die ersten zehn Kilometer seiner Challenge sind flach – eine Aufwärmphase. Das erste Kehren-Schild am Fuße des Anstiegs hinauf nach Alpe d’Huez weist die Etappensieger von 1952 und 2001 aus – Fausto Coppi und Lance Armstrong. Als Maël Feron den Hinweis erreicht ist es immer noch stockdunkel. Gleichmäßig und unbeirrt tritt er in die Pedale, der Lichtkegel seiner Helmlampe – ein einsamer Punkt in der dunklen Alpenlandschaft.
Für viele Hobby-Radler ist allein dieser Anstieg eine große Herausforderung und somit ein großer persönlicher Erfolg. Als Maël Feron den Ort nach 1.100 Höhenmetern pünktlich um 3 Uhr morgens erreicht, bleibt ihm nicht mehr als eine kurze Pause, um zu essen und zu trinken.
Der nächste Abschnitt ist nur viereinhalb Kilometer lang. Der 21-Jährige versucht die steile Straße komplett auf dem Rad zu bewältigen. Schieben oder tragen kostet viel Zeit, lässt sich aber nicht komplett vermeiden. Das Pacing rückt mehr und mehr in den Fokus. Schnell sein, ohne zu viel Kraft zu verlieren – eine schwierige Gratwanderung. Als er auf die Megavalanche-Route trifft, trennen ihn noch sieben Kilometer und etwas mehr als 1.000 Höhenmeter von seinem Zwischenziel auf dem Pic Blanc. „Während des Rennens fällt es weniger auf, aber hier merkte ich, wie steil und technisch der Track wirklich ist”, sagt Maël.
„Ich dachte: Das kannst du doch nicht downhill fahren, das ist ja Wahnsinn!“
Mit dem ersten Tageslicht erreicht er die Zielgerade – ein großes, extrem steiles Schneefeld. Über sich sieht er die Bergstation der Seilbahn. Als die anderen Fahrer im Tal aus den warmen Betten kriechen und in die Pantoffeln schlüpfen, legt er die Steigeisen an, um den Gletscher zu erklimmen. Noch nie zuvor hat er die hochalpinen Steighilfen unter seine Schuhe geschnürt. Allein das ein Abenteuer. Maël Feron muss sein Rad jetzt schieben – oder tragen. Die dünne Luft erschwert die Plackerei zusätzlich. Jetzt ist seine Ausdauer gefragt. Er atmet tief, Schritt für Schritt, die Gebäude auf dem Gipfel fest im Blick.
Die ersten Rennfahrer steigen aus der Seilbahn, sehen ihn im Schneefeld, das Bike mühsam Meter um Meter den steilen Hang hochschiebend. Anfeuerungsrufe schallen ihm entgegen. „Come on Maël“, „Crazy“ und „Bravo“. Er kämpft. Und kämpft. Und als er die anderen auf dem Gipfel erreicht, müssen seine Schultern bewunderungsvolle Schläge der anderen Rennfahrer aushalten. Und was sagt er? „Genug aufgewärmt. Wann geht’s los?“
Das Rennen
Die dünne Luft, der wenige Schlaf und die Anstrengung fordern ihren Tribut. Ihm ist schwindlig. Ob er seinen sechsten Platz bei der Megavalanche des letzten Jahres wiederholen kann? Er bezweifelt es:
„Ich bin schon froh, wenn ich es lebend den Gletscher runter schaffe.“
Die zwanzig Fahrer der ersten Startreihe zählen zu den besten Enduro-Bikern der Welt. Maël Féron gehört dazu. Sekunden vor dem Massenstart gibt es keinen Platz mehr für Zweifel. Die Go Pros werden angeschaltet, ein paar letzte Worte getauscht. Dann gilt der Blick nur noch dem roten Startband und dem steilen, schneebedeckten Abhang dahinter. Maël ist voller Adrenalin. „Ich wusste, dass eine Menge schief gehen kann“, sagt er später, „aber auf der Schneedecke war das Fahren die pure Freude. Kopf runter, voller Fokus, nicht nachdenken!”
Er verlässt den Gletscher unter den Top 15. Der nächste Abschnitt ist extrem technisch. Ein Sturz, ein kleiner Fehler gar, und man verliert viele Plätze. Maël Féron fährt auf den Single Tracks eine defensive Strategie – er folgt der Line seiner Vorgänger, nimmt die Hände so oft es geht von den Ergon GDH Griffen, versucht sich zu entspannen, spart Energie, wo es nur geht. Auf der legendären Traverse setzt er sich auf seinen SM Enduro Sattel, atmet durch, bringt die Herzfrequenz runter. Als Kilian Bron mit vollem Speed an ihm vorbeizieht, spürt er „Ich fühle mich gut, hier ist was für mich drin!” Von nun an jagt er den Zweitplatzierten des Jahres 2021.
Maël Féron weiß, sein Konkurrent kennt die Strecke wie kein Zweiter. Er hört auf die Stimme in seinem Kopf: „Sei smart, bleib an Kilian dran, kein unnötiges Risiko!” Im Downhill beschleunigt Bron, um sich abzusetzen. Er und Maël Féron liefern sich ein heftiges Rennen, Kopf an Kopf, Rad an Rad. Kurz vor dem finalen Sprint attackiert Maël Féron und setzt sich an die Spitze. Er ist nun an vierter Position und gibt weiter Vollgas.
Wenige Minuten später, nach 22 Kilometern und 2.600 negativen Höhenmetern überquert er die Ziellinie. Vor ihm sind nur Hugo Pigeon, der schon die Rennen der Jahre 2023 und 2024 gewonnen hat, Olivier Bruwiere, Dritter der letzten drei Jahre und Alex Rudeau durchs Ziel gerauscht. Verrückt, Maël erreicht einen der fünf Plätze auf dem Podium. Er nimmt seinen Helm ab und spricht völlig verschwitzt in seine Helmkamera: „Wenn ihr mir das vorher gesagt hättet, ich hätte es nicht geglaubt. Absoluter Wahnsinn!“
Rückblick
Vierter in der Megavalanche, nachdem er die ganze Strecke zuvor hochgefahren und -geklettert ist. Selbst in seinem Best Case Szenario hatte Maël Féron sich die Sache nicht so perfekt vorgestellt. Keine Crashs, keine Schäden, keine Verletzungen – einfach eine perfekte Fahrt. Unter den Top 10 zu landen war sein Traum gewesen, an einen vierten Platz, sogar zwei Plätze besser als im Vorjahr, das war ihm nicht möglich erschienen.
„Es hat eine Weile gedauert, bis ich diesen Erfolg wirklich realisiert habe, denn eigentlich wollte ich die Megavalanche einfach nur auf meine Art fahren.“