Beyond Standing Still

Für viele Fahrer ist Taunus Bikepacking weit mehr als nur eine Strecke durch eine der landschaftlich schönsten Radregionen Deutschlands – es ist ein Selbstversorger-Abenteuer über Hunderte Kilometer Schotter, steile Anstiege und schlaflose Nächte. Als Sportwissenschaftsstudent und Ultracyclist, der über ein Masterpraktikum zu Ergon kam, erlebte Janek das diesjährige Rennen ganz vorne im Feld. Im Interview spricht er über seinen Weg ins Ultracycling, das Fahren durch die Nacht und die Lehren, die er aus drei unvergesslichen Tagen auf dem Rad mitgenommen hat.

Radfahrer auf schmalem Waldweg, im Vordergrund unscharfe grüne Blätter als Rahmen
Fotograf Jakab Rokob
„Es ist möglich, Dinge zu tun, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte“
Janek Schwenker von Ergon
Türkisfarbenes Gravelbike mit montierter Rahmentasche liegt von oben fotografiert im Gras
Fotograf Jakab Rokob

Wie wird man eigentlich Ultracyclist?

Solange ich zurückdenken kann, war mein Vater Radfahrer, aber in meiner Jugend war Radfahren für mich nie mehr als ein Mittel, um von A nach B zu kommen. Ich bin mit ganz unterschiedlichen Sportarten aufgewachsen, bis ich mit Fußball angefangen habe. Das war für längere Zeit mein Hauptsport, und mit 15 habe ich sogar drei Jahre lang auf semiprofessionellem Niveau gespielt. Mit dem Radfahren habe ich während der Pandemie angefangen – anfangs war das einfach etwas, das wir mit Freunden zum Spaß gemacht haben. Ich habe damals in Köln gewohnt, und wir sind in die Niederlande, nach Norddeutschland oder einfach mal für eine Nacht raus aus der Stadt gefahren.

Ich habe aber definitiv auch eine wettkampforientierte Seite, deshalb bin ich immer mehr gefahren und habe mir von Zeit zu Zeit neue Herausforderungen gesetzt. Erst 100 km, dann 200 km, dann vielleicht 150 km an drei Tagen hintereinander. Meine Leidenschaft fürs Radfahren ist extrem schnell gewachsen, und ich habe mich regelrecht in die mentale und körperliche Herausforderung verliebt, besonders über lange Distanzen.

Richtig eskaliert ist es, würde ich sagen, während eines Praktikums in einem Radladen in Hannover, wo ich richtig tief in die Gravel-Community eingetaucht bin. In dieser Zeit habe ich mein erstes echtes Ultra-Projekt gemacht: eine 370 km lange Gravel-Fahrt von Hannover nach Diez, wo meine Eltern wohnen. Das war für mich so eine Art Zeichen, dass Dinge möglich sind, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können.

Wie man also sieht, war es nie der Plan, Ultracyclist zu werden – ich habe mich einfach in den Sport verliebt, und mein Ehrgeiz hat mich immer weiter in diese Richtung getrieben.

Hand justiert die Bremsleitung an einem türkisfarbenen Gravelbike mit DT-Swiss-Laufrad
Fotograf Jakab Rokob

Was war bei Taunus Bikepacking anders als bei deinen bisherigen Fahrten?

Mein erster Anlauf war sehr spontan und eigentlich nur zum Spaß. Ich habe als einer der letzten Starter noch einen Platz bekommen und es einfach versucht. Die Veranstaltung war ein absoluter Knaller, und auch ohne echten Wettkampfgedanken bin ich am Ende Gesamt-Siebter geworden. Das hat definitiv etwas in mir ausgelöst, und mit der Zeit ist die Idee, es richtig schnell zu fahren, immer weiter gewachsen.

Letztes Jahr war ich dann in richtig guter Form und habe mich stark auf dem Rad gefühlt – bis am Ende alles wegen eines defekten Akkus im DNF geendet hat. Meine Di2 hat irgendwo mitten im Rennen aufgegeben, weshalb ich leider aufgeben musste. Mental war das hart, aber mir war schon klar, dass das nächste Jahr nicht mehr weit weg ist. 2026 habe ich mir dann wirklich das Ziel gesetzt, vorne mitzufahren und um die schnellste Zeit mitzukämpfen.

Bildkollage aus zwei Fotos: Nahaufnahmen von MAAP-Bikepacking-Taschen am Gravelbike
Fotograf Ingvar Vollprecht
Fotograf Jakab Rokob

Wie bereitet man sich auf ein solches Abenteuer vor?

Das war definitiv eine geplante Sache, und ich habe in den kälteren Monaten viel trainiert. Ich wohne rund 45 km von der Ergon-Zentrale entfernt, wo ich arbeite, und bin sehr oft mit dem Rad zur Arbeit und zurück gefahren – das hat sich vor allem für den Winter als echter Gamechanger erwiesen. Ein paar Wochen vor dem Start habe ich ein Simulationswochenende gemacht und dabei gemerkt, dass ich stärker bin als im Vorjahr. Das hat mir richtig Selbstvertrauen gegeben. Die beiden vorherigen Teilnahmen haben mir außerdem sehr geholfen, meine Ausrüstung auf das absolute Minimum zu reduzieren – dadurch bin ich leichter und damit schneller geworden.

Schmiedeeiserne Wetterfahne mit Vogelsilhouette ragt vor hellem Himmel auf
Fotograf Ingvar Vollprecht
„…man erlebt die eigene Heimat in einem völlig neuen Licht“
Janek Schwenker von Ergon
Luftaufnahme eines Flusstals mit Weinbergen, unten fährt ein Radfahrer auf der Straße
Fotograf Jakab Rokob

Wie würdest du die Atmosphäre im Taunus beschreiben?

Ich lebe seit 2010 in dieser Gegend und habe schon viel hier erlebt, aber mein erstes Mal bei Taunus Bikepacking war eine Art Augenöffner dafür, wie großartig und vielseitig die ganze Region wirklich ist. Sie kann sehr einsam sein, hat atemberaubende Anstiege, technische Abfahrten und einfach unzählige wunderschöne Täler. Jesko, der Hauptorganisator, hat wirklich seine Hausaufgaben gemacht und so viele Orte entdeckt, die man nie zu sehen bekommt, außer man fährt die Veranstaltung selbst. Es ist erstaunlich, wie man dadurch die eigene Heimat in einem völlig neuen Licht erleben kann. Zusammen mit allem, wie es dieses Jahr gelaufen ist, lässt sich das kaum in Worte fassen!

Bildkollage aus zwei Fotos: Porträt von Radfahrer Janek Schwenker und er auf Kopfsteinpflaster im Dorf
Fotograf Jakab Rokob

Was war dein Lieblingsmoment?

Die Strecke ist wirklich wunderschön, aber ehrlich gesagt: Wenn man es schnell angehen will und dieses Renngefühl hat, kann man sie nicht wirklich genießen. Einen echten Lieblingsteil habe ich daher nicht, aber einen unbeliebtesten definitiv. Das war das Rheingau-Gebiet am ersten Tag mit all den harten Anstiegen vom Rhein hoch in die Weinberge. Das sind keine Anstiege, die ich mir freiwillig noch mal zum Spaß antun würde.

Luftaufnahme einer grünen Flusslandschaft mit geschwungenem Flusslauf und Ufervegetation
Fotograf Ingvar Vollprecht

Du hast auf einem Friedhof geschlafen. Warum?

Friedhöfe bei so einem Rennen zu nutzen, ist üblicher, als man denkt. Es gibt Wasser, Schutz und an manchen Stellen sogar Strom. Mehr kann man sich in so einer Situation eigentlich nicht wünschen! Angst im Dunkeln ist für mich absolut kein Thema – eher das Gegenteil. Man ist quasi in „Zivilisation" und hat Mauern um sich herum, was sich definitiv gut anfühlt, wenn man einfach nur die Augen zumachen und sich ausruhen will. Ich habe gegen Mitternacht dort gestoppt und bin gegen vier Uhr morgens wieder los – ich glaube, niemand hat mich überhaupt bemerkt.

Radfahrer fährt auf einer schmalen Asphaltstraße durch einen schattigen, dichten Wald
Fotograf Jakab Rokob

Wie war dein Verhältnis zu den anderen Fahrern?

Da gibt es eigentlich keine große Geschichte, denn gerade an der Spitze verbringt man die meiste Zeit allein, kümmert sich um sich selbst und konzentriert sich auf die Fahrt. Auf der Fähre war die Stimmung etwas wettkampfbetonter, weil dort alle schnellen Fahrer versammelt waren. Aber zum Beispiel habe ich Kristian, der letztes Jahr Zweiter wurde, am ersten Tag bei Rüdesheim getroffen, und er war absolut freundlich und offen.

Wichtig ist aber zu sagen: Jeder in dieser „Taunus-Community" ist sehr nett und freundlich. Ich liebe die Zeit im Camp vor dem Start, wenn man bekannte Gesichter aus den Vorjahren trifft und die Neuen willkommen heißt. Das ist eine besondere Stimmung, die Jesko von Anfang an geschaffen hat, und sie ist ein wirklich, wirklich großer Teil von Taunus Bikepacking.

Radfahrer fährt auf einem Uferweg unter Bäumen entlang, im Hintergrund der Fluss
Fotograf Ingvar Vollprecht

Was lief in deinen AirPods?

Ich höre gerne Podcasts oder Hörbücher, weil das entspannt und ein bisschen vom Fahren ablenken kann. Zu meinen Favoriten gehören viele deutsche Podcasts, von Storytelling bis hin zu einfach nur albernen Talkshows. Dieses Jahr war auch der fünfte Harry-Potter-Band als Hörbuch dabei. Den kenne ich ziemlich gut, sodass es mir manchmal hilft zu wissen, dass bestimmte Abschnitte im Buch eine bestimmte Zeit dauern – und ich dadurch abschätzen kann, wie viel Strecke ich in dieser Zeit schaffen kann.

Radfahrer fährt auf einer Straße durch weite, offene Feldlandschaft
Fotograf Jakab Rokob

Was ist mit deiner Radhose passiert?

Einfach an einem Zaun aufgerissen, nichts Besonderes. Danach habe ich mir durch das Loch aber einen ziemlich fiesen Sonnenbrand geholt, der bis heute eine Spur auf meinem Hintern hinterlassen hat.

Radfahrer von hinten fotografiert, fährt auf einer von Grün gesäumten Landstraße davon
Fotograf Ingvar Vollprecht
„…da lag es nahe, unsere eigenen Sachen bei so einer Veranstaltung mal auszuprobieren“
Janek Schwenker von Ergon
Bildkollage aus zwei Fotos: Ergon Sattel SR Allroad Pro Carbon Men durch Blätter und Radfahrer auf schattiger Allee
Fotograf Jakab Rokob

Wie kam Ergon ins Spiel?

Ich arbeite mittlerweile bei Ergon, und wir entwickeln dort unter anderem Fahrradsättel. Da lag es irgendwie nahe, unsere eigenen Produkte bei so einer Veranstaltung mal auszuprobieren. Meine Kollegen fanden die Idee gut, und in einer Mittagspause haben wir einfach über den Taunus geplaudert – halb im Scherz habe ich erwähnt, dass sie mich doch begleiten und Fotos machen könnten.

Aus dem Scherz wurde Realität, und es war ein perfekter Match, denn seit ich bei der Firma bin, dachte ich schon, dass diese Veranstaltung – und Bikepacking im Allgemeinen – ein perfekter Weg wäre, um zu zeigen, wie unsere Produkte und unsere Arbeit unter einigermaßen extremen Bedingungen performen. Und als Bonus habe ich obendrein noch ein paar schöne Bilder bekommen.

Radfahrer fährt auf einer Landstraße durch offenes Gelände unter bewölktem Himmel
Fotograf Jakab Rokob
„...ich wusste, dass der Feldberg gegen Ende noch auf mich wartet“
Janek Schwenker von Ergon

Hat es sich für dich zu irgendeinem Zeitpunkt wie ein Rennen angefühlt?

Vor dem Start war schon klar, dass die Fähre alle nach 255 km zu einer Pause zwingen würde. Der erste Checkpoint lag auf der anderen Rheinseite, sodass die Fahrer den Fluss überqueren mussten, um sich zu registrieren, und dann noch mal zurück, um weiterzufahren. Der erste Tag war also mehr oder weniger vorgezeichnet, und das einzige Ziel war, mit gutem Tempo nach Lorch – dem Dorf an der Fähre – zu kommen, um genug Schlaf zu bekommen. Das hat gut geklappt, nur bin ich in den ersten Stunden ein bisschen zu schnell gefahren – aber das war mir klar, dass das mit der ganzen Aufregung und Euphorie nach dem Start passieren würde.

Der zweite Tag begann mit der Fährüberfahrt, und ich glaube, wir waren so um die 15 Leute auf dem Schiff. Das war ein schöner Moment, und alle waren aufgedreht, ich auch. Das Renngefühl war definitiv da. Der ganze Tag lief richtig gut. Ich war sehr schnell unterwegs und habe mir einen Vorsprung von etwa 2,5 Stunden herausgefahren. Ich habe mich irgendwo in einer kleinen Hütte hingelegt und versucht, drei oder vier Stunden zu schlafen. Um drei Uhr morgens ist dann der Zweitplatzierte an mir vorbeigezogen, weil er die ganze Nacht durchgefahren ist – und als ich seine Lichter gesehen und gemerkt habe, dass er mich überholt hat, konnte ich nicht mehr schlafen. Ich wurde nervös, bin aufgestanden und habe ebenfalls die Nacht durchgefahren. Im Nachhinein, mit am Ende etwa fünf Stunden Vorsprung, war das schon ein bisschen übertrieben. Aber hey, Rennfahren ist nicht immer eine rationale Angelegenheit!

Am letzten Tag, der für mich etwa 160 km lang war, wusste ich, dass der Feldberg gegen Ende noch auf mich wartet – als letzter richtiger und zugleich größter Anstieg der Strecke. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich Erster werden würde, und zur eigenen Motivation und zum „Spaß" habe ich mir morgens etwas mehr Ruhe gegönnt und bin dann mit voller Power den Feldberg hochgefahren! Ich kannte die Strecke noch aus meinem ersten Jahr und wusste, wie nervig sie sein kann! Um nicht zu viel darüber nachzudenken, dachte ich mir, dass hartes Fahren es irgendwie leichter machen würde – klingt vielleicht dumm, hat aber perfekt funktioniert.

Nahaufnahme von Händen, die nach der Fahrt Sandalenriemen an den Füßen schließen
Fotograf Jakab Rokob

Was nimmst du aus dieser Veranstaltung mit?

In diesen drei Tagen war eine der wichtigsten Kennzahlen für mich, so wenig Standzeit wie möglich zu haben. Ehrlich gesagt ist das die einzige Zahl, die einen wirklich interessiert, wenn man solche langen Fahrten mit Fokus auf Geschwindigkeit macht. Ich habe meine Stoppzeiten überall reduziert, wo es ging. Watt, Herzfrequenz oder Kohlenhydratzufuhr haben mich nicht gekümmert. Ich bin einfach nicht stehen geblieben.

Wenn man sich auf so etwas einlässt, hört man auf, sich zu sehr um Dinge zu sorgen, die man ohnehin nicht kontrollieren kann. Ich finde, das ist eine perfekte Lebenslektion: mit dem Fluss schwimmen, auf den eigenen Körper hören und sich auf die Dinge konzentrieren, die wirklich zählen – auch wenn es nur Kleinigkeiten sind.

Fotos: Ingvar Vollprecht, Jakab Rokob


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