Beyond Distance
Der Ultra-Endurance-Mountainbiker Kurt Refsnider ist als erster den Orogenesis-Trail von der US-kanadischen Grenze bis an die Südspitze der Baja California in Mexiko gefahren – eine epische Reise von über 7.600 Kilometern.
Es ist der 4. August 2025. Keine Wolke verklärt den blauen Himmel über dem kleinen Ort Oroville an der US-kanadischen Grenze im Staat Washington, als sich Kurt Refsnider auf den Fahrradattel seines Moutainbikes schwingt. Vor ihm liegt der Orogenesis Trail, wenn demnächst fertiggestellt, die längste Bikepacking-Route der Welt. Sie wird die Cross-Washington Mountain Bike Route, den Oregon Timber Trail und den Baja Divide Trail zu einem Monster von rund 7.600 Kilometer Länge verbinden – auf Single-Track-Trails, Gravelstrecken und Dirtroads.
Der Orogenesis-Trail und Kurt Refsniders Reise im Überblick
Orogenesis (deutsch: Orogenese): Geologischer Fachausdruck für die Bildung von Gebirgen.
Washington – der schwerste Teil zuerst
Der erste Abschnitt des Trips stellt Kurt Refsnider und sein vollgefedertes Pivot Trailcat SL vor einige der größten Hürden der gesamten Reise. Auf den ersten 1.200 Kilometern erwarten Refsnider mehr als 36.000 Höhenmeter, die heftige Anstiege mit nicht selten dreißig bis vierzig Prozent Steigungsgrad beinhalten. Als wäre dies nicht anstrengend genug muss er mit Temperaturen von bis zu 37 Grad Celsius kämpfen. Aber die harte Arbeit lohnt sich – fantastische Aussichten auf die vulkanischen, von Gletschern geprägten Gipfel und krasse Abfahrten belohnen ihn für seine Anstrengungen und geben ihm Energie, immer wieder die nächste Steigung zu meistern. Dabei bewährt sich auf der harten Strecke seine Ergon Ausrüstung. Der SMC Men Sport Gel Sattel, die GS1 Evo Griffe und die Handschuhe HM2 verschaffen ihm die dringend benötigte Entlastung während der extremen körperlichen Belastung.
Nach dem kräftezehrenden ersten Abschnitt fährt Kurt Refsnider entlang der Columbia River Gorge in die Cascades, die „Alpen Amerikas“. Knapp 20 Tage bewegt Refsnider sich durch Washington, bevor er bei White Salmon endlich Oregon erreicht. Der härteste Part der Tour ist damit geschafft – so glaubt es zumindest der Endurance-Mountainbiker.
„Das Höhenprofil in Washington ist beängstigend. Es gibt viele 1.500 Höhenmeter-Anstiege und jede Menge sehr schwierige Trails.“
Deadfall City – der harte Weg durch Oregon
Immer noch ausgelaugt von der Etappe in Washington freut sich Kurt Refsnider auf einen etwas entspannteren Abschnitt in Oregon. Weit gefehlt. Der Oregon Timber Trail (OTT), dem der Orogenesis zum größten Teil folgt, ist an viele Stellen komplett überwachsen und von umgestürzten Bäumen (sogenannten Deadfalls) blockiert. „Obwohl die freiwilligen Helfer der Oregon Timber Trail Alliance unermüdlich daran arbeiten den OTT instand zu halten, war das Vorankommen sehr mühsam“, erklärt Refsnider. An einigen Stellen ist der Trail in so schlechtem Zustand, dass er ans Aufgeben denkt. Glücklicherweise bessert sich die Lage in der Old Cascade Crest Region, wo sich gut gepflegte Gravel-Routen mit technischen Single Tracks abwechseln. Entspannen kann sich Refsnider dennoch nicht.
Die Ausläufer eines großflächigen Waldbrands sind dem Mountainbiker im wahrsten Sinne des Wortes auf den Fersen. Schließlich wird der Rauch zu dicht, die Luft zu schlecht zum Atmen – Refsnider muss den Trail verlassen, um sein Leben nicht zu gefährden. Auf Asphaltstraßen entkommt er der Gefahr, der Hitze und dem Rauch.
Bei Chemult kann er wieder auf den Trail wechseln und den Fremont National Recreation Trail in South Oregon in Angriff nehmen. Erneut muss er sich über matschige Trails mit hunderten umgestürzten Bäumen kämpfen. Minimaler Fortschritt zehrt an seinen Kräften und seiner Konzentration. Die Anstrengungen fordern Tribut. An der Grenze zu Kalifornien muss er einen Tag Auszeit nehmen, um Energie für die kommende Etappe in Richtung Sierra Nevada zu tanken.
„Ich bin eigentlich sehr stolz darauf, dass ich mich immer im Hier und Jetzt bewegen und auch aus schwierigen Situationen Freude schöpfen kann. Aber in South Oregon kam ich durch die Deadfalls, die permanente Hitze und meine generelle Erschöpfung ziemlich ins Straucheln.“
Die Hitze Richtung Süden
Die engen, von Deadfalls übersäten Single-Tracks weichen alsbald Dirtroads, Gravel- und Rail-Grade-Tracks. Für Refsnider bedeutet dies freie und entspannte Fahrt bis an die nördliche Sierra Nevada. Sein Weg führt vorbei an den Zeitzeugen des Goldrausches: verlassene Holzfäller-Häuser und alte Minenkomplexe. Vom Rücken der Warner Mountains blickt er über breite Täler und große Seen.
Auch in Kalifornien gibt es immer wieder Teile der Route, die nicht ausgebaut sind, die Refsniders Vorankommen in einen Kampf gegen Deadfalls, Matsch und gefährlich schlecht gewartete Wege verwandeln. Und eine weitere Herausforderung steht an: der längste Aufstieg des Orogenesis-Trails – 2.133 Höhenmeter von Bishop nach Coyote Meadows. Nach der Plackerei geht es weiter über das Kern-Plateau zum Cannel Plunge, einer 1.500 Meter-Abfahrt direkt nach Süd-Kalifornien. Ein Highlight für den Mountainbiker: „I laughed my way down!“
Leider gibt der Orogenesis-Trail nicht, ohne zu nehmen. Der Weg über die nächsten 350 Kilometer durch das Paiute-Becken und den dahinterliegenden Jawbone Canyon wartet nicht nur mit mehr als 6.000 Höhenmetern und technisch anspruchsvollen Passagen auf Kurt Refsnider, es ist auch extrem heiß. Schatten? Nirgends. Refsniders Durchhaltevermögen wird hier auf die ultimative Probe gestellt. Die Hälfte der Höhenmeter muss er das Rad in praller Sonne tragen, die Abfahrten sind gefährlich, voller trügerischer Furchen und scharfer kleiner Felsen, der Reifentod lauert überall. Zwei Tage kämpft er sich durch die Wüste, bevor er die Stadt Mojave erreicht – völlig ausgelaugt, sein Kopf so leer, wie seine Wasserflaschen.
Nur einen Tag Pause gönnt sich Refsnider, dann geht es weiter in die San Gabriel Mountains – ein Mountainbike-Himmel mit steilen und technischen Trails mit jeder Menge Exposure und atemberaubenden Aussichten. Es gibt aber auch Gefahren. Der Trail ist oft mit stacheligem Weißdorn und giftigem Poodle Dog-Busch bewachsen, die schmerzhafte Schrammen, platte Reifen und sehr unangenehme Hautreizungen verheißen. Kurt Refsnider lässt all dies hinter sich und die St. Andreas Spalte nahe Los Angeles bringt ihn immer näher an die mexikanische Grenze.
Die Baja – das Ende
„Nach all den großartigen Landschaften war die Grenze lediglich eine arbiträre Landmarke ohne wirkliche Bedeutung“, erinnert sich Refsnider nach seinem Abenteuer. Für den letzten Sprint über die Baja-Halbinsel lässt er seine Trailcat stehen und steigt auf ein Dropbar LES SL – ausgerüstet mit Ergon BT Gravel Lenkerband – um die heftigsten Stöße abzumildern.
„Die Grenze fühlte sich enttäuschend an.“
Der Orogenesis-Trail bewegt sich auf der Baja California entlang der fertiggestellten und hervorragend ausgebauten Baja Divide Route, die ein relativ schnelles Vorankommen ermöglicht. Single-Tracks auf dem Rücken der Sierra Nevada wechseln sich mit sandigen Wüsten-Trails ab, vorbei an alten spanischen Missionen, einsamen Ranches und kleinen Dörfern.
Die Reise endet für Refsnider fast abrupt an der Südspitze der Halbinsel bei San Jose del Cabo. Nach über 7.600 Kilometern und viereinhalb Monaten Fahrzeit taucht er das Vorderrad seines Bikes in den Pazifik. „Der Abschluss einer so langen Reise bringt immer eine Welle von Emotionen mit sich“, sagt er. Zu verstehen und zu verarbeiten, was diese Reise für ihn bedeute, brauche Zeit – und Muße.
„Ich freue mich sehr auf ein paar faule Morgen auf meiner Veranda mit einem Kaffee in der Hand – einfach mal zur Ruhe zu kommen und nicht unterwegs zu sein.“